Loveparade – die Tragödie!

 
 
 
An erster Stelle: Mein großes Beileid und Mitgefühl an alle Opfer und Hinterbliebenen sowie meine Genesungswünsche an die Verletzten.
 
 
Die Nachricht aus Duisburg erreichte mich erst am Sonntag Nachmittag, nachdem ich am Wochenende als DJ bei einem Festival an einer Location unterwegs war, die in Bezug auf meinen Handyempfang ein absolutes Funkloch ist.
 
 
Die Frage nun (ich denke, gleich mir ist wohl jeder, für den elektronische Musik nichts Unbekanntes ist, tief betroffen) – wie geht man damit um?
 
 
Staatsanwaltschaft und Behörden in Deutschland haben eine erste Antwort gefunden: Untersuchung, wie es dazu kommen konnte, dass mit dem bewussten Festivalgelände eine Location ausgesucht wurde, die nur durch ein Nadelöhr zu erreichen war, das nie und nimmer 1,4 Millionen Besucher oder auch nur einen Bruchteil davon verträgt. Und dazu noch von außen herangetragene Sicherheitskonzepte wie großräumige Zuführung ignoriert wurden.
 
 
In den zahlreichen Internetforen macht sich noch eine zweite Tendenz bemerkbar: Quasi durch die Hintertür dieser Katastrophe rechnet der „Underground“ mit der „Verkommerzialisierung“ und „Gier“ der Loveparade ab. Es stimmt: Die Loverparade der letzten Jahre hat schon lange mit jener rührigen Demonstration für „Friede, Freude, Eierkuchen“ aus den 1990ern so viel zu tun wie ein Airbus 380 mit den Fluggeräten der Wright-Brüder. Dennoch kommt auch nach einer Luftfahrtkatastrophe niemand auf die Idee, eine Rückkehr zu Heißluftballons der Marke Montgolfière zu fordern.
 
 
So kann es wohl auch hier nicht angehen, wenn hier (obendrein manch selbst ernannter) „Underground“ aus dem Argument der Kommerzialisierung der Loveparade (an der so manche von mir entdeckte neuerdings „Geläuterte“ auch noch durchaus ihren Batzen über die Jahre mitverdient haben) schmutziges Kleingeld geschlagen wird.
 
 
In der Facebook-Gruppe „Schweigeminute für die Opfer der Loveparade“ schreibt ein Veranstalter: „[…] ruft Bestürzung hervor, wie unverantwortlich hier alle mit der Situation schon im Vorfeld umgegangen sind. Die Örtlichkeit ist schon auf den ersten Blick nach meiner Meinung für max. 100.000 zuzulassen.“
 
 
Ich denke auch, dass das den Punkt trifft:
Ein Festivalgelände wurde gewählt, das für die zu erwartenden 1,4 Millionen Besucher denkbar ungeeignet und obendrein nur unter Lebensgefahr zu erreichen war, Behörden haben diesen Standort genehmigt, und Sicherheitskräfte (Polizisten) haben versagt. Erfahrungen aus Berlin und von Experten, die sich mit Massendynamik beschäftigen (längst eine eigene Wissenschaft) wurden ignoriert. Damit haben sich die genannten Verantwortlichen meiner auf mein Jurastudium begründeten Meinung nach der groben Fahrlässigkeit schuldig gemacht.
 
 
Individuen haben sich schuldig gemacht, nicht das „System der Kommerzialisierung“.
 
 
Bei Missachtung aller Sicherheitsnormen kann auch eine Kellerparty zur tödlichen Falle werden.
 
 
Wenn doch: Wer genau ist dann eigentlich dieses „System der Kommerzialisierung“?
 
 
Ein „gieriger“ Veranstalter?
Eine „verantwortungslose, Publicity –geile Stadtverwaltung“?
Die auftretenden DJs, die, einem Facebook-Kommentar nach, „alle einen Batzen Kohle daraus gezogen“ haben?
Oder sind´s am Ende wir alle? Jene zig-100.000 Loverparade-Besucher, die aus der Region waren, die Örtlichkeit kannten, und trotzdem hin sind? Jene 1,4 Millionen, die die Parade besucht haben, obwohl sie wussten, dass sie mittlerweile eine Kommerzveranstaltung ist (und vielleicht gerade deswegen dahin sind)?
 
 
Wir alle, die, wenn sie schon nicht dort waren, Loveparade-Compilation-CDs kauften, spielten, anhörten – und so die in den FB-Gruppen beschriebene „Gier einer korrupten Veranstaltertruppe“ befriedigt und noch weiter angestachelt haben?
 
 
Ich, der ich über Jahre darüber geschrieben habe und so für weitere Publicity gesorgt habe?
 
 
Am 4. Dezember 1999 stand ich in Innsbruck keine 150 Meter vom Ausgang des Bergisel-Stadions, als die Air&Style Katastrophe ihren Lauf nahm. Zwei meiner Partysan-Mitarbeiter befanden sich am Gelände, keine 50 Meter von der tödlichen Massendrängelei entfernt. Ein purer Zufall, sonst wären sie mittendrin gewesen. Dieser Vorfall führte zu einem neuen Sicherheitsgesetz, das Vorfälle wie jenen vom 4. Dezember 1999 in Österreich seitdem vermeiden sollte und offensichtlich hat.
 
 
Am vergangenen Wochenende, dem Wochenende der Katastrophe auf der Loveparade, spielte ich, wie oben erwähnt, auf einem Burg-Festival. Aufgrund des nach 1999 in Kraft gesetzten Sicherheitsgesetzes darf das oberste, äußerst pittoreske Stockwerk jener Burgruine nicht mehr bespielt werden. Ewig schade um diese einzigartige Location. Einerseits. Andererseits bin ich froh, nicht darüber nachdenken zu müssen, was wäre, müssten dort 1500 Besucher aus dem dritten Stock einer Burgruine durch 1 Meter breite, nur durch Holzgeländer gesicherte mittelalterliche Bogenschützengänge ins Freie evakuiert werden.
 
 
Die (Mit-)Verantwortung für die Tragödie von Duisburg tragen der Veranstalter, die die Locations genehmigt habenden Behörden und die sämtliche Warnungen ignoriert habenden Sicherheitskräfte.
 
 
Die „Kommerzialisierung“ der Loveparade nur am Rande.
 
 
Den Opfern sei hier nochmal alles Mitgefühl ausgesprochen und der Wunsch, die Hintergründe mögen nun dem Rechtsstaat würdig ausgeleuchtet und behandelt werden.
 
 
 
 
 

by on Juli 27, 2010

Kommentare

  1. Mögest du immer Rückenwind haben,
    sodass dich die Schicksalsstürme rauf zu den Engeln tragen.
    Zum Paradies mögen dich Engel geleiten,
    die heiligen Synths dich ankommend begleiten
    und dich führen in die heilige Stadt Electronica!
    Die Chöre der Engel mögen dich empfangen,
    und mit Chillen soll die ewige Ruhe dich erfreuen!

    Mein Beileid an die hinterbliebenen Angehörigen und Freunde der Verstorbenen!

    DJ Medo

  2. ich stimme dem schreiber zu was verantwortung und schuldzuweisung betrifft.

    ansonsten ist der bericht viel zu subjektiv und spiegelt so gar nicht meine meinung! speziell was die kommerzialisierung betrifft. dafür fehlt jegliche nähe zur materie um einblick in die machenschaften des Veranstalters zu bekommen. ein kommerzieller fitnessbetreiber hat wohl ausschliesslich wirtschaftliche interessen und das sagt schon sehr viel...

    aber wir wissen zumindest jetzt alle wo dj hillberg am wochenende gespielt hat :-)

    könnte man ewig diskutieren!

    R.I.P.

  3. Ich finde die "Kommerzialisierungs" Diskussion überbewertet. Bei den letzten McFit Paraden hat sich auch niemand beschwert dass McFit jedes Jahr Millionen in den Event investiert. Ganz übel finde ich Motte, der Lopavent jetzt Gier vorwirft - der hat leicht reden, hat sich seinerzeit ja auch die Parade von den Bürgern Berlins finanzieren lassen. Wenn man selbst nie finanzielles Risiko übernommen habe, kann man ja auch leicht über die Gier der KommerzVeranstalter wettern. Ob Gier oder nicht - meine Frage ist: WER HAT ZU VIELE LEUTE IN DEN TUNNEL GELASSEN? POLIZEI ODER LOPAVENT?

  4. bei diesem thema stellt sich bei mir auch nicht die frage nach der kommerzialisierung... die ist sowieso allgegenwärtig!

    wäre nix passiert, hätte wohl auch so gut wie niemand gemeckert.. dass der veranstalter im gegensatz zu motte auf die kohle schauen muss, war von anfang an klar wie es tobstar schon beschrieben hat...

    jetzt ist was passiert.. was tragisches.. und jetzt müssen die verantwortlichen für dieses drama ausgeforscht werden!!

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